Eine Stadt gewöhnt sich langsam an die Demokratie und schnell an die Diktatur - 12. April 2016

Dr. Volkmar Stein referierte über die Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus. In seinem fünften Vortrag zur Geschichte Büdingens stellte er die Weimarer Republik und das Dritte Reich dar. In ihrer räumlichen Zentralität als Kreisstadt und in der Person des Bürgermeisters Friedrich Fendt hatte die Stadt das Ende der Monarchie unverändert überschritten. Signale einer demokratischen Wende gab es kaum. Der Arbeiter- und Soldatenrat gebärdete sich in seiner kurzen Existenz ganz und gar nicht revolutionär, und die vordemokratische Autorität des Fürsten war noch nicht erloschen. Das Bekenntnis zum demokratischen Staat versuchte man in den jährlichen Feierstunden zum Verfassungstag zu festigen, und in den Reichstagswahlen war die SPD bis 1930 stärkste Partei.

Die Probleme des Alltags beschäftigten die Büdinger wohl mehr als staatsbürgerliche Überlegungen. Die Nationalsozialisten fassten in Büdingen organisatorisch erst spät, im Jahre 1930, Fuß, übertrafen in der letzten Phase der Weimarer Republik aber auch hier alle andern Parteien an Präsenz, Lautstärke und Aktivität. Bereits in der Reichstagswahl vom Juli 1932 errangen sie mehr als 55 Prozent der gültigen Stimmen. Nach dem 30. Januar 1933 ließen sie den zunächst parteilosen Bürgermeister Emil Diemer in seinem Amt, ernannten ihn später sogar zum „kommunalpolitischen Fachberater“ für den Kreis Büdingen.

In dieser Stadt gab es weder repräsentative Zeugnisse nationalsozialistischer Architektur noch nennenswerte Zerstörungen. Die Hitlerlinde vor dem Kreishaus und anstößige Straßenbenennungen waren schnell beseitigt. Die eigentlichen Machthaber waren von „oben“ entsandt worden. Zurück blieben nur „Mitläufer“. So schien der Nationalsozialismus in Büdingen nach dem 8. Mai 1945 spurlos verschwunden. Aber menschliche Lücken gab es: Von den 149 jüdischen Mitbürgern des Jahres 1933 lebte zehn Jahre später keiner mehr in Büdingen, und 378 Männer waren dem von Hitler entfesselten Krieg zum Opfer gefallen. Er war auch in Büdingen durch „psychologische Mobilmachung“, Stationierung von Soldaten und Einübung des Luftschutzes vorbereitet worden. Auch in Büdingen fand Nationalsozialismus statt.