Alte Straßen in Wetterau, Kinzigtal und vorderem Vogelsberg - 08. März 2016

Christian Vogel beschäftigt sich seit über einem halben Jahrhundert mit alten Straßen der Region. 2004 hat er das Buch „Via-Antiqua, Bonifatius’ letzter Weg“ vorgelegt, in dem der Weg rekonstruiert ist, der bei der Bonifatius-Überführung von Mainz nach Fulda benutzt wurde. Seither widmet er sich verstärkt der Erforschung des Verlaufs alter Straßen im Einzugsbereich der Flüsse Nidda und Kinzig. Hier wie auch sonst steht noch immer ein Gesamtüberblick aus, der nur vor Ort durch flächendeckende Feldforschung zu gewinnen ist. Ausgangspunkt ist dabei, dass moderne Wege selten den alten Straßen entsprechen und deren Trassen etwas oder auch ganz abseits verlaufen. Um diese zu ermitteln, ist zunächst das Gelände nach den Kriterien zu werten, die generell für alte Straßen gelten. Dann sind die modernen Messtischblätter, aber auch ältere Karten aus den letzten zwei Jahrhunderten heranzuziehen und auf ihnen entsprechende Spuren zu suchen. Die so gewonnenen Ansatzpunkte sind schließlich vor Ort im Gelände zu überprüfen. Nur wenn sich konkrete Reste alter Straßen – meist in Form von Rinnen – tatsächlich finden und der dazugehörige Straßenverlauf im Ganzen nachvollziehbar ist, kann von gesicherten Erkenntnissen ausgegangen werden.

Wie der Referent betont, gibt es noch sehr viele, teilweise sehr große Straßenreste - nicht nur, aber vor allem im Wald. Diese sieht er jetzt in Gefahr. Konnte man vor Jahrzehnten sein Fahrrad noch beliebig durch geräumte Wälder schieben, so lassen dies inzwischen gewachsenes Unterholz und herumliegendes Altholz meist nicht mehr zu. Ausgebliebener Holzkleinverkehr führt bei nur noch als Nebenwegen benutzten alten Straßen allmählich zu deren Verschwinden. Zwar wachsen diese Straßen, in die immer wieder Steine geworfen wurden, nur langsam zu. Sie verwischen aber doch allmählich und verschwinden oft genug ganz bei Aufforstungen. So ist auf der Höhe des Vogelsberges gerade ein Stück Bonifatiusweg in einer Schonung aufgegangen. Außerdem genügt bei durchnässtem Boden oft schon ein einziger Einsatz von schweren Holzerntemaschinen, um alte Wege unbenutzbar zu machen. Und hinzu kommen regelrechte Verhaue durch Jagdpächter (im Büdinger Wald auch verfassungswidrige großflächige Einzäunungen). Der Referent beklagt, dass das Hessische Landesamt für Denkmalpflege hier keinerlei Interesse zeigt, wenn nicht sogar das Gegenteil der Fall ist.

Für alte Straßen hat der Referent Kriterien und Epochen herausgearbeitet. Wann immer das Gelände es hergibt, laufen sie

  • über längere Höhenzüge, wegen des Windes nicht auf dem Kamm, sondern am oberen Hang, und regelmäßig auf der trockeneren Südseite
  • nicht durch Täler und Senken
  • nicht durch Ortschaften
  • direkt auf das Ziel zu, mit leichten Bögen, wenn das Gelände es erfordert
  • unter Vermeidung unnötiger Auf und Abs.

Erst bei den spätmittelalterlichen Straßen fehlen die meisten dieser Kriterien.

Dabei gab es eine allmähliche Entwicklung von der Höhenstraße zur Talstraße. Ursprünglich waren alte Straßen wohl Trampelpfade über die Kämme der Höhenzüge, die sich allmählich auf die Hänge und schließlich in die Täler verlagerten. Angelegt durch Straßenbau wurden diese Straßen bis zum Spätmittelalter nicht, die Wahl des natürlich vorgegebenen Streckenverlaufs ging aber offensichtlich schon in keltischer Zeit auf Planung zurück. Straßenarbeiten reduzierten sich auf Auffüllen mit Bruchsteinen.

Unterscheiden lassen sich in unserer Region vier Epochen alter Straßen: Keltenzeit (mit bereits ganzen Straßensystemen) – Römerzeit (mit Militärstraßen bis offensichtlich weit vor dem Limes, wie der Fund im Steinauer See belegt) – Frühmittelalter (mit Straßen, die sich weitgehend an die bereits vorhandenen Straßen anlehnten) – Spätmittelalter (mit Straßen, die jetzt durch Täler und Senken, auf Nordseiten, durch Orte etc. führten) Maßgeblich gingen diese spätmittelalterlichen Straßen zurück auf den Handel der jetzt entstehenden neuen Städte, allen voran Frankfurt und Gelnhausen. Moderne Straßen entstanden erst seit dem 18. Jahrhundert und sind weitgehend noch heute in Benutzung, durch Straßenbau im modernen Sinn des Wortes.

Büdingen und Straßenforschung sind untrennbar miteinander verbunden. Hier wirkte und forschte Kammerdirektor Müller, der „Straßenmüller“, dessen „Alte Straßen und Wege in Oberhessen“ ein Klassiker ist. Um Büdingen fand der Referent in kleinerem Maßstab, was in größerem für die gesamte Region gilt.

  • Unmittelbar an Büdingen vorbei führte mit der Reffenstraße = rechte Kinzigstraße eine der großen Fernstraßen, über die ein großer Teil des Verkehrs aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Osten führte und die erst im Spätmittelalter mit dem Aufkommen der Via Regia durch das Kinzigtal ihre Bedeutung verlor.
  • Eingebunden war Büdingen schon zu Keltenzeiten in das große Straßensystem des Glaubergs, das in alle Himmelsrichtungen ausstrahlte. An Büdingen vorbei führten mehrere Straßen (Rennstraße durch den Büdinger Wald, Totenweg in den Biebergrund, Bettenstraße durch das Betten, Reiterstraße durch den Gerichtswald).
  • Im Mittelalter entstand dann in Büdingen ein eigenes Straßensystem, das ebenfalls in alle Himmelsrichtungen ausstrahlte.