Zehn vormals standesherrliche Archive in Zentralhessen - 08. September 2015

Christian Vogel, der Vorsitzende der Vereinigung für Heimatforschung in Vogelsberg, Wetterau und Kinzigtal, referierte im Heuson-Museum.

In der Mitte von Hessen gibt es zehn Archive mit mehr als 15 000 Urkunden und über 4 Kilometer Akten. In ihnen ruht ein wesentlicher Teil der Überlieferung von über 200 Orten mit insgesamt annähernd 400 000 Einwohnern, die in den sechs Kreisen Landkreis Gießen, Lahn-Dill-Kreis, Main-Kinzig-Kreis, Stadt Offenbach, Landkreis Offenbach und Wetteraukreis liegen und eine Spannweite vom Weiler bis zur Großstadt haben. Es ist dies Überlieferung der Staatsgewalt, die staatliches Wirken in kleinen Territorien des Alten Reiches dokumentiert. Hier finden sich Informationen zu so unterschiedlichen Themen wie Schulen und Kirchen, Feldmark und Gemeindeautoritäten, Justiz und Krieg. Privat-Unterlagen sind es nicht. Vier dieser Archive befinden sich in Büdingen, ohne ihre Unterlagen ist Geschichte der Stadt Büdingen und ihres Umlandes nicht zu fassen.

Diese Unterlagen staatlichen Charakters sind in privater Hand. Im 20. Jahrhundert hat man sich darüber keine Gedanken gemacht. Die Verhältnisse waren noch so, dass meist an die Unterlagen heranzukommen war, und die Rechtslage war völlig unbekannt. In unserem Jahrhundert war dann das Ysenburger „Gesamtarchiv“ im Büdinger Schloss zeitweilig geschlossen und ist dies noch der Fall beim Isenburger Archiv in Birstein. Vor allem aber stellte sich heraus, dass es - hauptsächlich im Bandhaus - in Büdingen drei weitere große Archive gibt, die die Überlieferung der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg von etwa 60 Ortschaften – darunter die Stadt Büdingen – enthalten und noch nie der Öffentlichkeit zugänglich waren. Man weiß nicht einmal, inwieweit es überhaupt eine Verzeichnung gibt.

Dieser unhaltbare Zustand hat den Referenten zu einer Überprüfung der Rechtslage veranlasst. Sie war nicht einfach, da an die Unterlagen der Archive selbst naturgemäß nicht zu kommen war und die meisten Unterlagen des Volksstaates Hessen im Krieg untergegangen sind. Was sich vom Darmstädter Justizministerium erhalten hat, reicht indes aus. Es hat sich ergeben, dass in den „standesherrlichen“ Archiven zwei Archive zu unterscheiden sind, ein „Landesarchiv“ und ein „Familienarchiv“. Im Landesarchiv liegen die staatlichen Unterlagen, die mit der Regierung der kleinen Länder zu tun haben, im Familienarchiv die Unterlagen der Familie, die diese kleinen Länder regierte. Diese Landesarchive sind beim Verlust der politischen Selbständigkeit 1806/15 nicht einfach an die neuen größeren Staaten gefallen. Die bisherigen Regenten der Kleinländer behielten nämlich als „Standesherren“ völkerrechtlich verbindlich kraft der Wiener Bundesakte von 1815 die „untere und mittlere“ Regierungsgewalt ihrer bis dahin selbständigen Ländchen und damit auch die Verwaltung von deren Staatsarchiven. Die verbliebenen Regierungsrechte wurden ihnen dann zwar ziemlich bald entzogen. An die Landesarchive dachte aber niemand, so dass deren Verwaltung bis 1918 bei den Standesherren blieb. Diesen Zustand beendete erst die Revolution von 1918, seither gehören die Landesarchive den Ländern, heute dem Land Hessen. Eine Übernahme wurde indes unterlassen, weil es sich bei den standesherrlichen Archiven um gewachsene Einheiten handelt, die man nicht auseinander reißen wollte und die auch nur schwer zu teilen waren. Dass das Eigentum der Teile Landesarchiv beim Land Hessen liegt, wurde aber ausdrücklich festgehalten. Die Teile Familienarchiv wurden in diesem Zusammenhang fast alle auf Stiftungen übertragen, in zwei Fällen wurde lediglich Nutzung durch die Öffentlichkeit gesetzlich sichergestellt. Die Öffentlichkeit hat daher im Prinzip ein Recht auf Nutzung der gesamten standesherrlichen Archive.

Dies in Vergessenheit geratene Recht der Öffentlichkeit gilt es jetzt durchgehend durchzusetzen. Hier steht ein Stück Einführung der Republik noch aus. Der Referent hat zu diesem Zweck einen 66 Seiten starken Druck „Zehn vormals standesherrliche Archive in Zentralhessen – Fortsetzung der Monarchie im Hessen des 21. Jahrhunderts“ ausgearbeitet, in dem geordnet nach Archiven die einschlägige Rechtslage dargestellt und durch Faksimiles belegt ist.