300 Jahre Freiheitspatent - 13. März 2012

Dr. Peter Decker referierte im Büdinger Heuson-Museum zum Thema „300 Jahre Freiheitspatent - Vom Leben in einer kleinen Residenz um 1700“. Mit diesem Vortrag wurde das Jubiläumsjahr zum Toleranzpatent von Graf Ernst Casimir eingeläutet.

Um 1700 hatte Büdingen noch immer an den Folgen der Kriege und Krisen des unruhigen 17. Jahrhunderts schwer zu tragen. Auch die Friedensschlüsse von 1697/98 verschafften nur ein kurzes Atemholen, mit dem Streit um das Spanische Erbe deutete sich schon 1701 wieder ein neuer europäischer Konflikt an. Auch die interne Situation der Grafschaft Ysenburg war mit Problemen beladen. 1687 war Büdingen Residenz eines durch Teilungen stark geschrumpften Territoriums geworden, aber Sterbefälle im Grafenhaus führten zu einer Vormundschaftsregierung, bis 1708 Graf Ernst Casimir überraschend die politische Verantwortung übernehmen musste.

Vor diesem Hintergrund, zu dem noch Erntekrisen oder die konfessionellen Spannungen im Reich kommen,  wurde nach der inneren Verfassung der kleinen Stadt gefragt. Zur demographischen Entwicklung und sozialen Schichtung der Bürgerschaft lassen Zählungen von 1693/1698 und 1731 gute Vergleiche zu. Besonders interessieren die Strukturen der Selbstverwaltung, mit der jährlichen Wahl oder Vergabe einer Vielzahl städtischer Ämter, vom Schweinehirten oder Uhraufzieher bis zu den Märkermeistern und den jährlich wechselnden Bürgermeistern. Versucht wurde auch ein Blick in den auffallenden Wandel der Berufsfelder, vom traditionellen Handwerk hin zu neuen Möglichkeiten vor allem in der Textilbearbeitung. Innovationen und wirtschaftliche Reformen stießen aber hier - wie so oft - auf  konservatives Beharren und Festhalten an eingefahrenen Gewohnheiten. 

Konnte sich barockes Leben auch in Büdingen  entfalten?  Auch das ist eine Frage zum Bild einer Epoche, die uns zeitlich viel näher als das in Büdingen oft beschworene Mittelalter ist, dennoch aber vielfach fremd und nebulös erscheint.