Vampirismus. Ein europäisches Grenzphänomen - 23. Januar 2018

Prof. Dr. Thomas Bohn referierte über das Thema im Heuson-Museum.

Der schillernde Ausdruck „Vampir“ ersetzte in der westlichen Öffentlichkeit nach der Entdeckung einer geheimnisvollen Seuche in der Habsburgischen Militärgrenze 1731 nicht nur den Topos der „Türkengefahr“, sondern symbolisierte in den Debatten um die „Orientalische Frage“ und die „polnische Gefahr“ vor dem Erscheinen des Dracula-Romans 1897 auch einen „clash of civilizations“. Weil die Grenzgebiete der europäischen Vielvölkerreiche zum Hort der Rückständigkeit stilisiert wurden, ließ sich das Phänomen des Vampirs entlang einer Linie abbilden, die vom Donau-Balkan-Raum über den Karpatenbogen bis in die Territorien des alten Polen reichte. Dabei vollzog sich in der Imagination des Vampirs eine Metamorphose vom aufgeblähten Leichnam zum blutsaugenden Wiedergänger. Um zu ermessen, wie und warum es in den westlichen Medien zu einem Siegeszug der Vampire kommen konnte, ist zu problematisieren, wann und weshalb das östliche Europa zu ihrem Refugium stilisiert wurde. Dabei wird die Perspektive auf die Entstehung und Entwicklung eines Diskurses gerichtet, der im Spannungsfeld von osteuropäischem Volksglauben und westeuropäischen Klischees angesiedelt ist. Professor Bohn lehrt an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und ist Spezialist für osteuropäische Geschichte.