Festungsanlagen

Seit der Bedrohung Büdingens in der Mainzer Stiftsfehde 1461 bis 1463, in der sein Bruder Diether von Ysenburg als Erzbischof und Kurfürst von Mainz zunächst einem Rivalen unterlegen war, hatte Graf Ludwig II. von Ysenburg geplant, die veralteten Stadtmauern Büdingens durch eine zeitgemäße Fortifikation zu ersetzen, die der rasanten Geschützentwicklung Rechnung trug. Ab 1476 hat der Graf eine Bauhütte eingerichtet, die zunächst an den Schlossbauten und vor allem bei der Umgestaltung der Marienkirche eingesetzt wurde, seit 1489 aber mehr als zwei Jahrzehnte lang an der Festung arbeitete. Bei den Vorbereitungen werden 1486 zunächst „Bolaken“ genannt, polnische Spezialarbeiter für Erdbewegungen, welche die Gräben aushoben und die in dieser Zeit an vielen Großbaustellen in Europa zu finden sind. Die Anfänge der modernen Festungskunst liegen vor allem in Italien, als Thema stieß auf großes Interesse bei Architekten und Künstlern, etwa Albrecht Dürer. Dennoch gab es für das Büdinger Projekt zunächst kaum Vorbilder. Wer genau die Planer und Ideengeber  waren, bleibt unbestimmt, ausgeführt wurden die Arbeiten durch die genannte Bauhütte unter Meister Hans Kune und dann Peter Gude. Dabei musste man erst Erfahrungen sammeln und auch Lehrgeld zahlen, etwa als Teile der ausgedehnten Mauern wieder einstürzten. Gemäß dem pragmatischen und sparsamen Vorgehen des Grafen wurden die älteren Stadtmauern und Tore nicht beseitigt, sondern in die Innenfront mit einbezogen. Zum andern wurden die Arbeiten der Finanzierungsmöglichkeit angepasst, so wurde jährlich nur ein Mauerabschnitt, einer der Türme oder einer der Torbauten in Angriff genommen. Schon während der langen Bauzeit rückte ihre eigentliche Verteidigungsfunktion in den Hintergrund, der Festungsbau wurde zum Prestigeobjekt, er sollte das politische Lebenswerk des Grafen, der ab 1461 volle 50 Jahre lang regierte, demonstrativ vor Augen führen. Es ist nicht ohne Tragik, dass der hochbetagte Regent 1511 an seiner Festung den Tod fand. Augenzeugen berichten, daß das Gerüst zu Büdingen den alten Graven Ludwigen erschlagen habe, daran erinnert die Inschrift GOT GNAD DER SELE  über einer Scharte des nordöstlichen Bollwerks.
Ein wesentliches Element der Büdinger Festung bildete das Wasser, was man heute leicht übersieht. Im Ernstfall dienten wassergefüllte Gräben als schwer zu überwindende Annäherungshindernisse für Reiter und Fußvolk. Bei genauerem Hinsehen sind Wasserführung und einzelne Vorrichtungen dafür noch zu erkennen. Als wichtigste Maßnahme wurde der Hauptarm des Seemenbachs schon um die Stadtmauer des 14. Jahrhunderts im Süden umgeleitet und das Flüsschen dann auch in das System von 1500 integriert. Sein ursprünglicher Lauf teilte als Küchenbach (oder Hühnerbach) Alt- und Neustadt, bot dadurch allerdings defensive Schwachstellen, die besonders zu sichern waren, wie der Mauerbogen bei der Küchenbach-Bastei zeigt. Am Gitterwerk der „Mäusfall“  mündete der Küchenbach in den breiten äußeren Graben im Westen, den es, wenn erforderlich auch zu fluten galt. An der Innenseite der Mauer war dafür eine Öffnungs- bzw. Sperrvorrichtung vorhanden. Die Wasserfläche umspülte noch die Brückenbögen des Untertores. Mit dem Ansteigen des Geländes wurde der äußere Zwinger dann zum Trockengraben, unter der üblichen Bezeichnung „Hirschgraben“, mit einem abgewandelten  Defensivsystem im Nordbereich. Nachzutragen ist, dass der Lauf des Seemenbachs am Lohsteg durch eine Mauer vom Westzwinger abgeschottet war, um einen Einbruch des nassen Elements bei Hochwasser zu verhindern.
Die uns bisweilen ein wenig fremdartig, wie aus der Zeit gefallen erscheinende Festung aus dem heimischen roten Sandstein lädt zu individuellen Entdeckungen geradezu ein. Am eindrucksvollsten zeigt sich ihr Charakter im Großen Bollwerk, einem Batterieturm mit 16 Geschützkammern bei einer Mauerstärke von bis zu vier Metern, der durch eine mehrgeschossige „Streichwehr“ mit dem älteren „Hexenturm“, einem städtischen Gefängnisturm, verbunden wurde. Von deren gewölbten Abdeckungen aus bieten sich schöne Einblicke in das Gefüge der alten Stadt und eine weite Sicht in das Umland bis hin zur Ronneburg. Vom Rosengarten oberhalb des Gartens Kölsch lässt sich das gestaffelte fortifikatorische System der Westfront aus Innenmauer, ehemaligem Wassergraben, Zwinger und Damm (Kurtine) gut erkennen. Eine besondere Stimmung kommt bei einem Spaziergang über den Meliorsdamm und entlang des Seemenbachs auf, bis hin zum Pulverturm, der - schon immer etwas ruinös - den Romantikern des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Motiv bot. An den Mauern fallen Absonderlichkeiten ins Auge, wie die mächtigen „Buckelscharten“, die es nur in Büdingen und an einigen Ysenburger Schlössern gibt und über deren Verteidigungswirkung man streiten mag. Oder die skurrilen „Betzenlöcher“ wecken Neugier, kleine Gefängniskammern, von denen die an der Oberpforte erhalten blieb.Während die Festungsanlage von den Ysenburger Grafen alleine realisiert und finanziert wurde, wozu auch die Ausstattung mit Geschützen gehörte, waren die Bürger zum Unterhalt und zur Verteidigung verpflichtet. Diese Aufgabe aber überstieg im Ernstfall ihre Kräfte. Bei den wenigen Angriffen durch eine überlegene Streitmacht, wie im Krisenjahr 1552 oder während des Dreißigjährigen Krieges, öffnete die Stadt daher die Tore und entging so der Brandschatzung. Eine wirkliche Bewährungsprobe hatte die Festung nicht zu bestehen.  Die Bedrohung kam erst mit dem 19. Jahrhundert, als die im Unterhalt teuren und nutzlos erscheinenden Tore dem Verkehr geopfert und abgebrochen wurden, mit Ausnahme des Jerusalemer Tores, für dessen Erhalt sich die Bürger vehement einsetzten und das zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Wenn auch der merkwürdige Name erst im 18, Jahrhundert aufkommt und wahrscheinlich auf Glaubensflüchtlinge zurückgeht, die in der Vorstadt wohnten und für welche die an Türmen reiche alte Stadt als Bild des „Himmlischen Jerusalem“ erschien, so darf unsere Phantasie angesichts der kugelförmigen Hauben  und der spitzen Steinkegel der nahen Türme doch ein wenig in den exotischen Zauber des Morgenlandes abschweifen.

Quelle: Dr. Klaus-Peter Decker 

1353 Bau der Altstadt-Befestigung. Anlagen im Süden besonders gut erhalten und durch drei turmartige Vorbauten und einen eingezogenen Turm geschützt.

1390 Stadtprivileg auch für die Neustadt, nach Fertigstellung eigener Mauern. Anlagen im Westen teilweise erhalten und im Norden in die neue Befestigung aus der Zeit um 1500 aufgegangen. Das Obertor der Neustadt ist teilweise erhalten. Im Osten entspricht die Stützmauer der neuen Befestigung dem Verlauf der Neustadtmauer.

1490-1511 Bau der Festungsanlage mit 22 Türmen und Halbschalen, eine der bedeutendsten spätmittelalterlichen Festungsanlagen Deutschlands. Diese Mauern sind vollständig erhalten.

 

Festung – Südseite
Die Südseite der Festung beginnt im Osten mit dem Pulverturm und führt entlang der Stadtmauer von 1353 (Meliorsgraben), bzw. der Stadtmauer von 1503 (Meliorsdamm) zu Mühltorbrücke und Schlaghaus.

Festung – Westseite
Die Westseite der Festung beginnt im Süden mit dem Meliorsturm an der Mühltorbrücke. Die Stadtmauer von 1503 führt über den Grünen Turm, den Roten Turm, Mäusfall und Jerusalemer Tor zum Großen Bollwerk an der Nordwestseite.

Festung – Nordseite
Die Nordseite der Festung beginnt im Westen am Großen Bollwerk und Hexenturm, entlang dem Hirschgraben zum Graf-Ludwig-Turm und dem Obertor zu Oberhof und Küchenbachbastei.